| Veranstaltung: | LDK Hameln-2026 |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 8. Weitere Anträge |
| Antragsteller*in: | Landesarbeitsgemeinschaft Sport (dort beschlossen am: 29.08.2026) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 02.10.2026, 21:55 |
wA1: Mehr Dialog, weniger Repression – für eine neue Politik im Fußballstadion
Antragstext
Bündnis 90/Die Grünen Niedersachsen übernehmen das von der
Landesarbeitsgemeinschaft Sport am 29.08.2026 beschlossene Positionspapier „Mehr
Dialog, weniger Repression – für eine neue Politik im Fußballstadion":
Stadion für alle!
Sport begeistert Menschen und bringt sie zusammen - ob am Schachbrett oder an
den Wochenenden in den Stadien der Fußball-Bundesligen. So ungebrochen wie
vielfältig die Begeisterung für den Sport in Niedersachsen ist, so sehr
Frauenfußball an Popularität gewinnt, so sehr ragen die Zahlen aus den Stadien
der Ersten, Zweiten und Dritten Fußball-Bundesliga der Männer heraus, so sehr
dominieren der Fußball und das Fußballstadion die innen- und sportpolitische
Debatte. Ist das Stadion den Fans nicht selten Sehnsuchts- und regelmäßiger
Begegnungsort, fester Teil der eigenen Biografie und Sozialisation, so ist er
zugleich, obwohl unsere Stadien nach allen Zahlen sicher sind, auch immer
Kristallisationspunkt verkürzter innenpolitischer Debatte und Experimentierfeld
sicherheitspolitischer Kontrollphantasien.
Lebenswelt Fußball(stadion)
Diesem verengten Fokus wollen wir einen umfassenden Blick entgegenstellen.
Einen, der Fußball, das Stadion und seine vielfältigen Fanszenen ernst nimmt.
Einen, der das sportliche Ereignis auch als soziales und gesellschaftliches
Ereignis versteht, das Stadion als Lebenswelt, als Ort millionenfacher, analoger
Begegnung, der alle Gesellschaftsgruppen vereint. Es steht außer Frage, dass
große Sportereignisse immer auch politische Ereignisse sind, Stimmungsbilder
spiegeln, Debatten auslösen können.
Dies gilt beispielsweise für die Frage der bisweilen enorme Polizeieinsätze, die
von Fanbeauftragten wie Fanforschern deutlich kritisiert werden und
gleichermaßen für die Debatte um das Umlegen der Kosten auf die Vereine. Dies
nicht nur, weil hier Einnahmen und Ausgaben ohne jeden Bezug zum
volkswirtschaftlichen Beitrag der deutschen Profiligen im zweistelligen
Milliardenbereich geführt werden - zumal Umsatz und Gewinne (2025: 4,7 Mrd
lt.einer Studie von McKinsey) in der Regel vor Ort entstehen. Sondern auch, weil
die Perspektiven der Vereine und der Fans, der Chancen von Prävention und
verlässlichen Sicherheitspartnerschaften zu Gunsten polizeilicher Aufgebote
verpasst werden.
Die Kurve ist politisch
Wenig berücksichtigt bleibt so der gesellschaftliche Wert des Fußballs, der
Begegnung in den Stadien, auch weit über den Spieltag hinaus. Die Kurven sind
dabei besondere Orte des Aufwachsens, des Konflikt Erlernens. Sie sind Orte
politischer Sozialisation, Bezugspunkt einer der größten Jugend- und
Subkulturen, die wir politisch ernst nehmen müssen. Ein Ort, an dem präventiv
sozialpädagogische Arbeit stattfindet, Demokratiearbeit, politische
Meinungsbildung, wertvolle antirassistische Arbeit, Kampf gegen
Rechtsextremismus, Diskriminierung und Queerfeindlichkeit. Gleichwohl sind
Stadien keine konfliktfreien Orte. Wo Millionen Menschen hochemotional
zusammenkommen, sind Herausforderungen nicht fern. Diesen wollen wir uns
politisch stellen und dem sicherheitspolitischen Alarmismus einen
lösungsorientierten Ansatz entgegenstellen, der die Fanszenen nicht als Gegner,
sondern als Teil der Lösung ernst nimmt.
Klare und transparente Verfahren
Fans müssen nicht nur in Entscheidungen eingebunden werden, sondern diese müssen
auch transparent gestaltet werden. Das gilt an den Spieltagen, wie über
Spieltage hinaus, das gilt für Stadionrouten wie für Eintragungen in
polizeiliche Register wie die Datei Gewalttäter Sport. Hier braucht es klare
Kriterien, die über die zufällige Anwesenheit in einer Situation hinausreichen.
Auch bedarf es hier aktiver Mitteilung über die Aufnahme in eine solche Datei,
klarer Auskunftsrechte und zugleich einer Begrenzung sämtlicher eingesetzter
Mittel auf ein bürgerrechtlich akzeptables Maß.
Sollten tatsächliche Vergehen begangen worden sein, sind Stadionverbote ein
mögliches Mittel. Doch anstelle zentralisierter Stadionverbote müssen solche
Entscheidungen weiterhin bei Stadionverbotskomissionen vor Ort liegen. Denn nur
diese haben einen der Maßnahme angemessenen Blick auf ihre Fans und Fanprojekte,
auf Prävention, Sozialarbeit, Hintergründe und Verlauf. Aktuell ist es Vereinen
gleichwohl nicht möglich, zügig nach Vergehen reagieren zu können. Hier braucht
es dringend eine Beschleunigung der Ermittlungsverfahren.
Dabei gilt, Sanktionen dürfen nicht ohne geregelte Verfahren und ein Recht auf
Anhörung ausgesprochen werden. Gleichzeitig müssen bei Einstellungen von
Verfahren oder mit Freispruch, Stadionverbote automatisch überprüft und im
Regelfall aufgehoben werden. Ähnlich klare Verfahren und Regeln bedarf es
überdies im Rahmen von Stadionallianzen, die nur dann ihre volle Kraft
entfalten, wenn die Fanszenen mit am Tisch sitzen und Regeln und Sanktionen
gemeinsam beschlossen und dann auch durchgetragen werden. All das stärkt das
Vertrauen in die Verfahren und damit in das Handeln der Vereine und des Staates
insgesamt.
Pyrotechnik ist kein Verbrechen
Kaum ein Thema polarisiert so sehr, wie die Frage des Einsatzes von Pyrotechnik
in Stadien. Warb der DFB in den Nuller Jahren noch mit emotionalen Bildern mit
sog. Bengalos, ist die Debatte heute kaum noch Argumenten zugänglich. Natürlich
trägt Pyrotechnik Risiken, natürlich kann Pyrotechnik, unsachgemäß angewendet,
die Sicherheit und Gesundheit auch Unbeteiligter gefährden. Zugleich aber ist
Pyrotechnik fester Bestandteil von Fankultur, für die Anwendenden
unverzichtbares Ausdrucksmittel in Choreografien.
Wir sprechen uns für einen sachlichen Umgang mit Pyrotechnik aus und lehnen
strikte Verbote ab. Fraglos gilt, sobald Pyrotechnik die Hand verlässt, ist
direkt eine Grenze der Anwendung erreicht. Der Blick ins benachbarte Ausland -
ob nach Norwegen, Frankreich oder Dänemark - zeigt gleichwohl, dass der sichere,
begrenzte und vor allem geschulte und abgesicherte Gebrauch von Pyrotechnik
möglich ist. Wir setzen uns daher im Sinne eines sicheren und spannendes
Stadionerlebnis für alle zunächst für Pilotprojekte und in langer Sicht für
einen legalen, geregelten Einsatz von Pyrotechnik ein und fordern DFB, DFL und
Politik auf, hier mit Fans und Fachleuten aller Professionen Konzepte zu
entwickeln, statt die immer gleichen Abwehrdebatten zu führen!
Fanprojekte fördern, Soziale Arbeit absichern, Prävention stärken
Fanprojekte, sozialpädagogische Angebote, Jugend- und Sozialarbeit sind schon
heute die wirksamsten, von Fans und Vereinen gelebten, Praxen von Prävention.
Dabei ist ein gutes Fanprojekt aktive Jugendarbeit, Gewalt- und Suchtprävention,
Lebensberatung, Kampf gegen menschenfeindliche Einstellungen und
Demokratiebildung zugleich. In Anbetracht vielfältiger Radikalisierungsangebote
an junge Menschen, wäre es fahrlässig, diese wichtigen Strukturen jenseits
elterlicher und schulischer Kontexte zu vernachlässigen.
Es bleibt daher umso mehr unser Ziel, diese Projekte weiter zu stärken, um junge
Menschen zu begleiten und ihnen eine Anlaufstelle zu bieten. Alle
kriminologische Kenntnis zeigt, dass gerade jungen Männern umfassende
Präventionsangebote in den genannten Bereichen niedrigschwellig, zugleich
professionell fundiert, zur Verfügung gestellt werden sollten. Die Verbundenheit
zu einem Verein und zu Sport als Lebenswelt vereinfacht dabei den Zugang
ungemein. Vertrauen bildet dabei einen zentralen Grundstein für die
Zusammenarbeit von Fansozialarbeiter*innen und Fans. Damit dieses Vertrauen und
zeitgleich die Arbeitnehmenden geschützt sind, braucht es dringend ein klares
Zeugnisverweigerungsrecht für Mitarbeiter*innen von Fanprojekten und der
Sozialen Arbeit.
Vision Zero und Stadionallianzen – gut für alle!
Gerade Spiele mit rivalisierenden Fangruppierungen sind lange von massiven
Polizeiaufgeboten begleitet worden. Dabei entstehen hohe Kosten und Debatten
darüber, wie und ob diese den Vereinen aufzubürden sind. Zugleich sorgen diese
Großeinsätze für massive Belastungsspitzen in der Polizei, die dann an anderer
Stelle fehlt. Polizist*innen sollten an Wochenenden selbst mit ihren Familien
ins Stadion gehen können, statt Überstunden zu sammeln.
Vision Zero und Stadionallianzen setzen hier an: Nicht übermäßige
Polizeipräsenz, sondern verlässliche und belastbare Absprachen, nicht
Hundertschaften, sondern Kommunikationsteams, nicht das Stadion, sondern
allenfalls die Wege dorthin im Fokus. Es bedarf eines neuen Ansatzes, eines raus
aus der Spirale, weniger Polizei durch mehr verbindlichen Dialog ist möglich!
Ein gutes Beispiel, wie Präventivarbeit und Absprachen zu deutlich reduziertem
Polizeieinsatz bei einem Hochrisikospiel in den kritischen Abendstunden führen
können, ist das Spiel Hannover 96 gegen Eintracht Braunschweig in Hannover im
Frühjahr 2026.
Gelebte, belastbare Stadionallianzen als verlässliche Sicherheitspartnerschaften
sind die Basis für Vision Zero. Jedenfalls dann, wenn alle Akteur*innen, also
auch alle Fanszenen, mit am Tisch sitzen und Teil verlässlicher Absprachen
werden. Das bedeutet auch, eingespielte Rollen (wieder) zu verlassen.
Langfristig jedenfalls sollten die Vereine unter Einbezug der Fanszenen die
Verantwortung für die Situation in den Stadien übernehmen. Polizei bliebe in
dieser Zeit Ratgeberin, später nur noch Ultima Ratio. In einem weiteren Schritt
gilt es, diese verlässlichen Absprachen auch auf An- und Abreise von Fans
anzuwenden. Transparente, verlässliche und belastbare Absprachen funktionieren
schon heute für Großveranstaltungen wie Marathons, Open-Air-Konzerte oder
Weihnachtsmärkte. Das spart Einsatzzeit und Kosten und bedarf mit Blick auf den
Fußball endlich des politischen Mutes, den Prozess dahin zu begleiten, statt
Debatten immer wieder zu eskalieren oder Maßnahmenkataloge vollkommen zu
überziehen.
Bürger*innerechte gelten auch in der Kurve!
Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die Debatten der
Innenminister*innenkonferenz lehnen wir die Nutzung von Stadien als
sicherheitspolitisches Experimentierfeld entschieden ab. Ob personalisierte
Tickets, intelligente Videoüberwachung oder der Einsatz von Palantir – rein
schwarz-roten Überwachungsphantasien treten wir entschieden entgegen, denn
Grundrechte gelten auch im Stadion!
Das Stadion ist sicher!
Als Bündnis 90/ Die Grünen in Niedersachsen wollen wir ein Stadionerlebnis für
alle schaffen, ohne dass Emotionen oder Bürger*innenrechte am Stadiontor
abgegeben werden müssen. Wir stellen uns entschieden gegen die Kostenverlagerung
und werben vielmehr für Vision Zero im Sinne von Vereinen, Fans und Polizei.
Fußballstadien als soziale Orte, als Orte der analogen, gesellschafts- und
generationenübergreifenden Begegnung, als Lebenswelt und als Ort des Konflikt
Erlernens, sind für uns ein Schutzraum. Ein Schutzraum freilich, in dem es
verlässlicher Regeln, Absprachen und Rücksichtnahme bedarf, die es immer wieder
einzuüben gilt. An nur noch wenigen Orten trifft sich die große Breite der
Gesellschaft, wie an einem Wochenende in den Stadien Niedersachsens. Das Stadion
sollte daher ein Ort der gelebten Vielfalt und Toleranz bleiben, ein Ort der
sportlichen Auseinandersetzung und sport- wie gesellschaftspolitischer
Aushandlung auch durch organisierte Fangruppen zugleich.
Man muss nicht jedes Banner, nicht jede Protestaktion teilen, um doch
anzuerkennen, dass dies ein schützenswerter Ort, Weg und Kanal politischen
Diskurses ist – zugleich ein Ort, an dem, wenn etwas schief geht bei
Auseinandersetzungen, Einzelne nicht kollektiv in Haftung zu nehmen sind, wohl
aber alle in die Verantwortung gestellt sind, dass das Stadion ein guter Ort für
alle ist. Und dass dem so ist, belegen grundsätzlich alle Zahlen und zeigen:
Unsere Stadien sind sicher!